Leise rieselt der Tod…

Manche Gemälde sind so schön, dass man glatt in ihren Welten versinken möchte. „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich etwa, oder die legendäre „Sternennacht“ von Vincent van Gogh. Doch auch das nicht ganz so bekannte und selbst mir bis vor kurzem nicht geläufige Werk des deutschen Landschaftsmalers Johann Gottfried Edmund Koken, welches das Tor zu einem Friedhof und der dazugehörigen Kirche zeigt, ist so ein Fall. Mag es auf andere Menschen trostlos oder gar bedrohlich wirken, so finde ich als erklärter Winter-Liebhaber dieses Bild ungemein beruhigend und friedlich. Was liegt wohl hinter dem Tor? Und wohin führt der Pfad zwischen den Bäumen? All das würde ich nur zu gern wissen.

Das Geniale ist, dass wir nun, zumindest akustisch, wahrhaftig in Kokens traumhafte Szenerie eintauchen können, denn sie dient (in leicht veränderter Form) als Cover-Motiv des neuen Albums „Elegies of the Stellar Wind“ vom polnischen Ein-Mann-Atmospheric-Black-Metal-Projekt  Evilfeast. An dieser Stelle empfehle ich dem geneigten Leser, sich warm anzuziehen, denn so viel sei gesagt: Es wird eisig. Los geht’s!

Booklet
Bei Artwork und Veröffentlichung haben sich sowohl der Künstler, als auch das Label Eisenwald nicht lumpen lassen: Die Gestaltung ist wunderschön und liebevoll umgesetzt.

 

I.) The Second Baptism… Shores in Fire and Ice (12:14 min.)

Das Erste von insgesamt sechs Klangbildern, die sich auf dem Tonträger befinden, lockt den Hörer erst verträumt heran, ehe dann schnell erste epische Melodien ertönen. Dann Wind. Es bahnen sich langsam und immer lauter werdend brachiale Gitarren-Sounds an, die absolut zu gefallen wissen. Doch kurz darauf setzt eine krächzende Stimme ein, die unverständliches Brüllt. Hilfesuchend schlage ich im Textheft nach, doch die verzierungsreiche Schriftart und die kleine Schriftgröße lassen keine schnelle Auffassung des Textinhaltes zu. Schade. Später im Lied können mich zumindest die klug eingesetzten Orgelklänge besänftigen.

II.) Winter Descent’s Eve… I Become the Journey (8:18 min.)

Mit einem fließenden Übergang geht die Reise durch die Winterlandschaft weiter. Die Stille des Ausgangsmotivs scheint nun endgültig gebrochen und nun verstehe ich auch mehr des Textes. Wirklich gebraucht hätte ich das nicht, denn die Worte sind ebenso generisch wie abgenutzt. Das ist nicht besonders schlimm, da hier eher der Klang die Bilder erzeugt und nicht der Text. Zwar wird versucht, weiterführende Geschichten zu erzählen und ein wenig Epik aufkommen zu lassen, doch es zündet überhaupt nicht. Die gute Nachricht: Es stört auch ebenso wenig.

III.)  Lunar Rites… Beholding the Towers of Barad-Dur (12:40 min.)

Bis zu diesem Zeitpunkt gleicht dieses Album noch stark anderen Vertretern des klassischen Black Metal. Doch breiten sich an dieser Stelle klare und harmonische Melodien über dem Klangteppich aus, die trotz der Lautstärke ein wenig Ruhe aufkommen lassen. Zwischendurch gibt es in diesem Titel leider einen völlig unerklärlichen Tempo- und Stimmungswechsel, der nicht so recht ins Bild passt. Wieder ist heftiger Wind zu hören und bald darauf treten synthetische Chöre in Erscheinung. Derlei seltsame Übergänge gibt es leider an mehreren stellen auf dieser CD.

IV.) From the Northern Wallachian Forests… Tyranny Returns (9:47 min.)

Dies ist wohl das böseste und kälteste Stück auf diesem Album. Wer hier den frostigen Wind auf seiner Haut nicht spürt, der ist wohl auf ewig verloren. Gleichzeitig hat dieser Titel etwas ungemein Schönes an sich, das ich mir selber nicht so recht erklären kann.  Fast sofort bekam ich Gänsehaut, die mich auch nicht so schnell wieder losließ.

V.) Archaic Magic… A Cenotaph Below the Cursed Moon (9:21 min.)

Was nun folgt klingt zwar nicht besonders magisch, aber dafür umso bedrückender. Es sind Klänge der Verzweiflung und des Todes, die sich in die Gehörgänge bahnen. Die Gitarren geben ihr Bestes und klagen ihr unendliches Leid. Leider ist dieses Stück etwas zu monoton geraten, weshalb sich die neun Minuten etwas ziehen und man etwas aus der Stimmung gerissen wird.

VI.) Inclinata Resurgit… Rebirth of My Noble Dark Kingdom (15:04 min.)

Nach ungefähr 50 Minuten haben wir die letzte Etappe unseres Weges erreicht. Es ist natürlich immer schwer aufzuhören und vor allem gut aufzuhören, ist es doch schließlich das Ende eines Albums, welches im Kopf des Zuhörers nachklingt und prägend im Gedächtnis bleibt. Evilfeast ist es hier eigentlich ganz gut gelungen, da dieses Stück die besten Elemente des Albums noch einmal vereint. Epische Synth-Sounds, kratzige Gitarren und bittere Melodien lassen das Herz des Hörers nun endgültig erfrieren und entlassen ihn wieder aus dem Bilde zurück in die eigene Welt.

 

Fazit: Vielleicht hat man es anhand meiner Worte im Verlauf dieses Textes gemerkt: Ich bin absolut begeistert. Ohne große Erwartungen drückte ich den Startknopf meines CD-Players und habe eine der intensivsten Stunden seit langem verbracht. Mit passenden Lyrics wäre es ein wahres Meisterwerk geworden. So ist es aber dennoch eine riesige Empfehlung.

Sound: 9

Texte: 6

Konzept: 9

Ausstattung: 9

Wertung: 7,75/10 Punkten

 

Hier Probehören, herunterladen oder Tonträger erwerben:

 

Erscheint als: Download, Stream, Jewelcase CD, Double 12″ Vinyl, Kassette

 

 

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