Zu ungeahnten Höhen

Gerade noch auf der Suche nach dem Thron, setzt Szene-Ikone Joachim Witt seinen musikalischen Weg schon in eine neue Richtung fort. Diesmal zieht es ihn in die Berge, in das Reich der legendären Sagengestalt Rübezahl. Deutlich finsterer und epischer als seine Vorgänger sollte dieses Album werden und so wurde kurzerhand Chris Harms von Lord of the Lost als Produzent gewonnen. Kann Witt damit an alte Bayreuth-Erfolge anknüpfen oder verpufft der Effekt augenblicklich?

Mit „Herr der Berge“ werden wir in die Welt des Berggeistes eingeführt. Bedrohliche Synthesizer und Brachiale Gitarren setzen den Ton und lassen bereits erkennen, warum Chris Harms derzeit als Produzent so gefragt ist. Er trifft genau die richtige Stimmung und erschafft blitzsaubere Klangbilder, über denen sich die Stimme des Meisters sanft ausbreiten kann.

„Ich will Leben“ baut eine ebenso beeindruckende Wand aus lauten Tönen auf, welche durch den grandiosen Text durchbrochen wird und ein Gewitter an Emotionen verursacht, welches seinesgleichen sucht.

Das ist ja alles schön und gut, jedoch kann Rübezahl auch weniger martialisch sein. „Dämon“ lebt wieder einmal von den textlichen Qualitäten von Witt und von seinem kraftvollen Gesang, wobei der Sound sich größtenteils im Hintergrund hält. Überragend und ein sicherer Anspieltipp.

Sofern man bei so einem Album überhaupt von einer Ballade sprechen kann, ist „Goldrausch“ genau das. Überwiegend ruhig und mit gebrechlicher Stimme vorgetragen, lädt es zum Träumen ein, bietet aber auch ausreichen Epik.

Noch ruhiger und rührseliger wird es dann mit „Mein Diamant“, welches lange Zeit nur mit Piano und Gesang auskommt. Für meinen Geschmack etwas zu kitschig.

„Wofür du stehst“ ist einer dieser unaufgeregten Popsongs, für die ich Joachim Witt sehr bewundere. Kommen die meisten Texte auf diesem Album nicht an die Genialität von Thron oder Ich heran, schafft dieser Song dieses mit Leichtigkeit. Subjektiv gesehen ein Meisterwerk.

„Quo Vadis“ hingegen stellt größere Fragen und wirft mit Pathos nur so um sich. Joachim Witt holt hier seine dunkelste Stimmfarbe heraus und wird von Metal-Gitarrensounds begleitet, dass es eine wahre Freude ist.

Das folgende Stück „1000 Seelen“ ist dann leider kaum mitreißend, was vor allem an dem 08/15 Aufbau und der uninspirierten Melodie liegt.

Etwas einfältig, jedoch irgendwie anziehend ist der Song „Eis und Schnee“. Böse Zungen würden hier Anzeichen der gefürchteten „Massentauglichkeit“ erkennen, man kann dem Lied aber auch einfach einen schönen Wiedererkennungswert attestieren.

Was nun folgt ist das absolute Highlight des Albums, über das ich keine weiteren Worte verlieren möchte. Es trägt den Titel „Agonie“ und ist die Essenz des Albums und sollte von jedem selbst gehört und eingeordnet werden.

Den Titel „Gefühlvollstes Lied auf Rübezahl“ darf „Wenn der Winter kommt“ guten Gewissens für sich beanspruchen. Eine tiefe Schönheit wohnt ihm inne und entfaltet sich dank des grandiosen Gesangs und der groß angelegten Produktion.

Ein letztes Mal laut wird es dann, wenn „Leben und Tod“ erklingt und von Mut und Stärke erzählt. Leider wird der Refrain zu oft wiederholt und nervt dann ein wenig.

„Wiedersehen woanders“ schließt das Album schön ab und präsentiert sich in feinster Pop-Manier. Das passt zu Witt, aber nicht zu diesem Album.

 

Fazit: Ich stehe zwischen den Stühlen. Einerseits habe ich den sperrigen und erwachsenen Stil von Ich und Thron wirklich lieben gelernt und bin etwas unzufrieden mit der Rückkehr zu glatter Produktion und massentauglicher Ausrichtung, andererseits kann ich diesem Werk wenig schlechtes abgewinnen. Witt hat sich schon immer stetig weiterentwickelt und das wird auch weiter so sein. Die Texte sind weiterhin gewohnt genial und der Sound hätte es auch schlimmer treffen können. Wer Bayreuth 3 liebte, wird Rübezahl jedenfalls vergöttern.

Sound: 9

Texte: 9

Konzept: 8

Ausstattung: 9

Wertung: 8,75/10 Punkten

 

Hier kann das Album bestellt werden und hier gibt es Tickets für die Tour im April/Mai.

Advertisements